| 
Bild
von Weisses Ring
Die
vierjährige «Verführerin»
Plakatkampagne gegen sexuellen Missbrauch und Familiengewalt
Berlin/Weimar (ddp). «Diese Hure hat ihren Onkel verführt»,
steht auf dem Kampagnen-Plakat des «Weißen Rings»
gegen sexuellen Missbrauch von Kindern. Die vermeintliche
«Hure» ist ein vielleicht vier Jahre altes Mädchen,
das mit treuherzigem Augenaufschlag in die Kamera blickt.
Das schockierende, provozierende Bild ist eines der Motive,
die Studierende der Bauhaus-Universität Weimar im Auftrag
der Opferschutzorganisation gestaltet haben. Zum jährlichen
«Tag der Kriminalitätsopfer» am 22. März
meldet sich der «Weiße Ring» diesmal deutlicher
und lauter zu Wort denn je.
Außergewöhnliche
Kampagne
«Wir verwenden bewusst solche Zitate, mit denen sich
die Täter zu rechtfertigen versuchen», sagt Werner
Holzwarth, Professor für Visuelle Kommunikation an der
Bauhaus-Universität. Holzwarth hat gemeinsam mit dem
Hochschuldozenten Peter Gamper die 15 Studierenden des Projektes
«Opfer» betreut. Herausgekommen ist eine außergewöhnliche
Kampagne, die «bewusst eine drastische, unbequeme Sprache
verwendet», wie Holzwarth sagt, und die sich gleichzeitig
scharf von den mitunter ritualisiert anmutenden, alljährlichen
Aufklärungsaktionen abhebt.
Holzwarth und Gamper
haben beide vor ihren Uni-Dozenturen jahrzehntelang für
Werbeagenturen gearbeitet und wissen nur zu gut, dass so manche
Hilfsorganisation - nicht nur der «Weiße Ring»
- Probleme mit der Eigenpräsentation haben. «Die
leisten zwar viel für ihre Klientel, aber sie sind trotzdem
in der Öffentlichkeit kaum bekannt, weil die PR-Arbeit
etwas schnarchnasig ist», wird Holzwarth deutlich.
Kontroverse
lostreten
Der «Weiße Ring» ist mit dem Ergebnis hoch
zufrieden: «Wir wollen mit dieser radikalen Aktion eine
Kontroverse lostreten», sagt Angelika Landmann vom Landesverband
Thüringen, wo die Idee für das Projekt entstand.
Von der «vorher stillen, freundlichen, zurückhaltenden
Öffentlichkeitsarbeit» sei man damit erst einmal
abgerückt.
Ein exemplarischer
Blick auf die einschlägige Kriminalstatistik Thüringens
zeigt, wie dringend nötig und gerechtfertigt die Kampagne
ist: 2003 registrierte die Polizei im Freistaat rund 1000
Fälle sexuellen Missbrauchs, 96,5 Prozent der Täter
waren Männer. Bei Körperverletzungen im Bereich
häuslicher Gewalt waren 86 Prozent der Täter männlich.
Keine
Bekehrung möglich
Über die Wirkung der drastischen Kampagne machen sich
die Organsiatoren keine Illusionen: «Damit werden wir
keinen Sexualstraftäter zum sensiblen Familienvater bekehren
und versuchen das auch gar nicht», stellt Holzwarth
klar. «Wichtiger ist uns, den Opfern zu zeigen,
dass es für solche Verbrechen kompetente Stellen gibt,
an die sie sich wenden können.» Und: «Die
Wegseher und Weghörer
werden aufgefordert, sich nicht aus der Verantwortung zu stehlen»,
fügt Gamper hinzu.
Ein zweiter wichtiger
Punkt: Alle Plakatmotive sprechen zwar die gleiche unmissverständliche
Sprache, haben aber - je nach Milieu - einen unterschiedlichem
Tonfall: Plakatwände mit Sprüchen wie «Ich
schlag dir gleich die Fresse ein» gehören genauso
dazu wie die subtile Modezeitschriften-taugliche Anzeige mit
einer jungen Frau, die ihr blaues Auge mit einer Mütze
kaschiert - dazu der Reklameslogan: «Dezente Veilchenblende».
Schock
für die Studenten
Um sich in die Befindlichkeit der Opfer hineindenken zu können,
haben sich die Weimarer Studenten gründlich vorbereitet.
Sie sprachen mit Missbrauchsopfern, Polizeiexperten, Kinderschutzbund
und Frauenbeauftragten, durchforsteten Internet-Foren, in
denen sich die Opfer sexueller und häuslicher Gewalt
äußern. «Viele Studenten waren bei den Schilderungen
geschockt. Manche Männer konnten die Brutalität,
die ihnen berichtet wurde, nicht fassen», sagt Gamper.
Die Kampagne mit
rund 100 Fotos, Anzeigen, Poster, Videos, Radiospots und Handzetteln
und Aktionskonzepten ist gegenwärtig als Ausstellung
bis zum 11. April in Erfurt zu sehen. «Danach ist eine
Wanderausstellung quer durch Deutschland geplant», kündigt
Landmann an.
21.03.2004 Ster, aus E110
|