Schlussstrich in Dresden: Kinderschänder verurteilt
Dresden (ddp-lsc). An jedem der drei Prozesstage saß Carsten D. im roten Pulli und mit gesenktem Blick auf der Anklagebank. Freunde und Angehörige beschrieben ihn als gutmütigen, freundlichen, wenngleich wenig durchsetzungsstarken Menschen. Ehemalige Partnerinnen bezeichneten ihn gar als «Langweiler». Die Taten, die D. zur Last gelegt werden und die er vor dem Landgericht Dresden auch gestand - schwerer sexueller Missbrauch von Kindern, Vergewaltigung und Körperverletzung -, wollen so gar nicht zu diesen Beschreibungen passen.
Der 33-jährige zerrte im September 2005 in Dresden auf offener Straße ein neunjähriges Mädchen in sein Auto, fuhr mit ihm in ein Waldstück und vergewaltigte das Kind dort brutal. Ähnlich verfuhr er nur vier Monate später mit einer Elfjährigen aus Coswig. Die Neunjährige wurde bei der Vergewaltigung so schwer verletzt, dass sie später operiert werden musste. Am Donnerstag verurteilte das Landgericht den ehemaligen Kraftfahrer zu einer Haftstrafe von elf Jahren. Das hatte auch die Staatsanwaltschaft gefordert. DNA-Test brachte den Durchbruch.
Der Fall hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt, weil bei der fast dreijährigen Suche nach dem Täter einer der größten deutschen Massengentests veranlasst worden war. 14 200 Männer aus der Region gaben einen Speicheltest ab, darunter auch der Angeklagte, der den Ermittlern durch eine Rasterfahndung aufgefallen war.
Gleich zu Beginn des Prozesses am Dienstag legte D. ein umfassendes Geständnis ab. Dies geschah unter Ausschluss der Öffentlichkeit, um die Privatsphäre der Kinder zu schützen. Er habe sich für seine Taten jeweils zufällig vorbeilaufende Mädchen «ausgesucht», sagte D. Allerdings, so der als Gutachter hinzugezogene Berliner Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber, ist der Angeklagte nicht pädophil. Vielmehr habe er sich mit den Kindern schwächere Opfer gewählt. Eine erwachsene Frau zu entführen, das hat sich der Dresdner nach eigener Aussage nicht getraut.
Kinder wieder nach Hause gebracht
Mit beiden Opfern fuhr der Mann dann dreißig bis fünfzig Minuten zu entlegenen Waldstücken - eine Phase der schrecklichen Ungewissheit für die Mädchen und für D. genügend Zeit, um noch von der Tat abrücken zu können. Das beurteilte das Gericht als strafverschärfend.
Nach der Vergewaltigung setzte D. die Mädchen wieder in der Nähe ihrer Elternhäuser aus und zeigte ihnen sogar noch den Heimweg. Carsten D. habe seine egozentrischen Bedürfnisse auf Kosten der Kinder befriedigt, sagte die Vorsitzende Richterin Michaela Kessler in ihrer Urteilsbegründung. Obwohl er vorgegeben habe, «entsetzt» auf Medienberichte über die Verletzungen der Neunjährigen reagiert zu haben, habe er sich vier Monate später ein zweites Opfer gesucht. Lediglich die Tatsache, dass er mit seinem Geständnis den Kindern die Aussage vor Gericht und damit eine schmerzliche erneute Beschäftigung mit der Tat erspart habe, würdigte das Gericht positiv.
Kinder in Todesangst: Juristische Detailfrage
Weil D. den Kindern angedroht hatte, sie zu töten, handelt es sich nach Überzeugung des Gerichts um einen besonders schweren Fall des sexuellen Missbrauchs. Dieses juristische Detail sieht Verteidiger Stefan Heinemann anders, er erwägt eine Revision. Der Anwalt hatte auf höchstens sechs Jahre Haft plädiert.
D. äußerte sich nur am letzten Verhandlungstag öffentlich. Ihm tue «die Sache» sehr leid. Kröber hält ihn für voll schuldfähig. Die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls sei gering, wenn sich D. einer Therapie unterzieht. Deswegen verhängte das Gericht keine Sicherungsverwahrung. Ein Schlussstrich für alle. Nach der Urteilsverkündung zeigten sich viele Prozessbeteiligte erleichtert über die Höhe der Strafe. Der Anwältin des älteren Mädchens, Anja Gerlach, fiel es aber «äußerst schwer zu sagen, ob eine Therapie bei dem Mann erfolgreich sein werde». Der Leiter der damals zur Suche nach dem Täter gebildeten Soko «Heller», Raiko Märtins, sagte, mit dem Urteil werde auch für die Beamten ein Schlusspunkt gesetzt. Oberstaatsanwalt Christian Avenarius sprach von einem «gerechten Urteil». Alle hoffen nun, dass die Kinder die Geschehnisse irgendwann verarbeiten können.
12.12.2008 Ta, E110.de
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