29. Juni 2016

Paul S. lernte seinen Entführer in einem Internetforum kennen. Wie schnell man im Netz mit Pädophilen in Kontakt kommt, zeigt ein 20-Minuten-Selbstversuch.

 Die Online-Community Knuddels.de ist offiziell ab 14 Jahren zugänglich und bietet zig unterschiedliche Foren, in denen gemeinsam gespielt und gechattet werden kann. Offenbar macht sie genau das aber auch zur perfekten Kontaktbörse für Menschen mit illegalen Vorlieben. Die Registrierung ist schnell gemacht, es braucht nur eine aktive Mail-Adresse. Nach dem Alter wird nur pro Forma gefragt. Im Test gab 20 Minuten zuerst 12, dann die verlangten 14 Jahre an. Der erstellte Lockvogel heisst letztendlich Crazy Prinzessin Julia und ist offiziell 14 Jahre alt. Auf ein Profilbild wird verzichtet. Trotzdem dauert es keine Minute, bis die ersten eindeutigen Nachrichten über dem vermeintlichen Teenager hereinbrechen. Dieser Nutzer gibt an, 17 Jahre alt zu sein. Er startet die Konversation mit «Bist du ein offenes Mädchen?». Auf die Frage ob er wirklich 17 sei, antwortet er: «Nee. 32. Stört dich das?» Julia macht sich nochmals jünger: «Ich bin aber erst 13. Stört dich das?». Er verneint und will die Unterhaltung auf Skype verschieben. Kaum verbunden, will er wissen, wo sie herkommt, ob sie single ist und wie sie aussieht. Er legt die Karten zügig auf den Tisch: Er sei zwar vergeben, aber auf der Suche nach einer Affäre. Julia noch mal: «Ich bin aber 13. Stört dich das nicht?» Nein. Es störe ihn nicht. Julia soll entweder ein Foto schicken oder ihre Webcam anmachen. Sie ziert sich. «Soll ich mal Cam anmachen?», fragt er. Und tatsächlich – er zeigt sich. Dumm ist er dabei nicht: Er filmt gegen die Sonne. Ausserdem ist die Verbindung so schlecht, dass er nur ein Berg aus Pixeln ist. Kurz darauf die Frage aller Fragen: «Wollen wir uns treffen?» Am besten noch am gleichen Abend. Er wolle quatschen und Glace essen gehen. Wenn sie sich gut verstehen würden, könnten sie sich auch küssen. «Ich hab das noch nie gemacht», schreibt Julia. Ob er schon mal jemandem beigebracht habe, wie man küsse, fragt sie. Ja, das habe er, und … … «Sie fand es sehr gut», schreibt er. Der Frage, was genau er beruflich mache, weicht er aus. Nach kurzer Bedenkzeit sagt Julia zu: «ich würde gern mit dir eisessen». Um 18 Uhr verabreden sie sich am Zürcher Stadelhofen. «Wie erkenne ich dich?», will er wissen. Er werde blaue Hosen und ein weisses Hemd tragen. Ausserdem sei er 1,95, dunkelblond und relativ sportlich. Er möchte sie vorher aber noch mal via Webcam auf Skype sehen. Julia weicht aus. Er lässt nicht locker, bis sie ihm ein Bild schickt. Er will telefonieren. Sie nicht. Trotzdem verspricht er zu kommen. Obwohl Kollegen aus der 20-Minuten-Redaktion vor Ort sind, scheitert das erste Treffen. Sie konnten ihn am belebten Treffpunkt nicht ausmachen. Um 18.15 Uhr schreibt er: «Wo warst?» Er gibt nicht auf. Er sei wieder im Büro. Sie solle mit dem ÖV Richtung Uni kommen, schreibt er. Immer wieder fragt er, was genau Julia anhabe. Sie dreht den Spiess um und verlangt nun ein Foto von ihm … … mit Erfolg. Der Mann darauf ist oben ohne und trägt eine Sonnenbrille, ausserdem ist das Foto ziemlich pixelig. Es folgt ein Katz-und-Maus-Spiel via Chat. «Bist du da?»; «Wo genau?»; «Wo bist du?» Er fahre einen silbernen Opel, verrät er. Den Kollegen fällt ein solcher Wagen auf, der die Strasse mehrmals auf und ab fährt. Aussteigen tut niemand. Irgendwann gibt Julia auf: «Dein Versteck-Spiel ist mir zu blöd. Ich bin weg.».Er schickt einen traurigen Smiley und ein «dann fahr ich jetzt auch», dann ist er offline.
Der Fall des verschwundenen 12-jährigen Paul S. aus Gunzgen SO hielt die Polizei mehr als eine Woche lang auf Trab. Der Junge hatte den 35-jährigen Werner C. in einem Internetforum kennen gelernt und konnte erst eine Woche nach seinem Verschwinden aus dessen Wohnung in Düsseldorf befreit werden.
Doch wie läuft so ein Kennenlernen zwischen Kind und Erwachsenen ab? Um das herauszufinden, nahm die Redaktion Kontakt mit Mehmet alias MemoHD auf. Der Youtuber aus Hamburg macht auf Knuddels.de schon länger Jagd auf Pädophile.

Die Online-Community ist offiziell ab 14 Jahren zugänglich und bietet zig unterschiedliche Foren, in denen gemeinsam gespielt und gechattet werden kann. Offenbar macht sie genau das aber auch zur perfekten Kontaktbörse für Menschen mit illegalen Vorlieben. Beim Selbstversuch stand Mehmet einer 20-Minuten-Redaktorin am Telefon mit Ratschlägen zur besten Vorgehensweise zur Seite (siehe Video unten).

Eine Flut an Nachrichten

Die Knuddels-Registrierung ist in wenigen Minuten erledigt, es braucht nur eine aktive E-Mail-Adresse. Nach dem Alter wird nur pro forma gefragt. Im Test gab 20 Minuten zuerst Pauls Alter, also 12 Jahre, an. Die standardisierte Antwort des Portals: «Du musst mindestens 14 Jahre alt sein, um dich bei Knuddels anzumelden. Noch mal: Wir müssen noch dein Alter wissen.»

Das erstellte Fake-Profil heisst letztendlich Crazy Prinzessin Julia und ist offiziell 14 Jahre alt. Auf ein Profilbild wird verzichtet. Trotzdem dauert es keine Minute, bis die ersten eindeutigen Nachrichten über dem vermeintlichen Teenager hereinbrechen: «Hi, darf ich dich was Versautes fragen?» oder «Bist du kurvig? Ich mag kurvige Frauen …»

Im Grossformat auf dem Videoportal Videoportal

So lief der Chat ab. (Video: 20 Minuten)

«Hättest du ein Bild reingestellt, wärs noch schlimmer», sagt Mehmet. Er hilft der Redaktorin, Antworten in der Sprache einer 14-Jährigen zu verfassen. Schon nach der ersten Nachricht will ein Chat-Partner auf Skype wechseln. «Dort wird man nicht so überwacht. Auf Knuddels kann man Mitglieder melden, dann werden sie gesperrt», erklärt der Profi.

«Bist du ein offenes Mädchen?»

Kaum wurde in den Skype-Messenger gewechselt, soll Julia ihre Webcam einschalten. Als sie ablehnt, schreibt er nicht mehr zurück. Doch der nächste Kandidat steht schon parat. Er schreibt: «Bist du ein offenes Mädchen?» «Frag ihn, ob er wirklich 17 ist», lautet Mehmets Anweisung. Die Antwort kommt prompt: «Nee. 32. Stört dich das?» Julia macht sich selbst noch jünger: «Ich bin aber erst 13. Stört dich das?» Er verneint und verlangt nach ihrem Skype-Namen.

Sobald die Verbindung steht, will er wissen, wo sie herkommt, ob sie single ist und wie sie aussieht. Grösse und Haarfarbe reichen ihm nicht: «Dick oder dünn?», hakt er nach. Dann legt er die Karten auf den Tisch: Er sei zwar vergeben, aber auf der Suche nach einer Affäre. Julia noch mal: «Ich bin aber 13. Stört dich das nicht?» Nein, das störe ihn nicht.

Treffpunkt Stadelhofen

Julia soll ihre Webcam anmachen. Sie ziert sich. «Soll ich mal Cam anmachen?», fragt er. «Ja, mach!» Und tatsächlich – er zeigt sich. Dumm ist er aber nicht: Er filmt gegen die Sonne. Ausserdem ist die Verbindung so schlecht, dass er nur ein Berg aus Pixeln ist. Der Redaktorin schlägt das Herz trotzdem bis zum Hals.

Kurz darauf die Frage aller Fragen: «Wollen wir uns treffen?» Am besten noch am gleichen Abend. Er wolle quatschen und eine Glace essen gehen. Wenn sie sich gut verstehen würden, könnten sie sich auch küssen. «Ich hab das noch nie gemacht. Hast du schon mal jemandem beigebracht, wie man küsst?», schreibt Julia. Ja, das habe er, und es habe ihr sehr gefallen, antwortet er.

Nach kurzer Bedenkzeit sagt Julia zu. Um 18 Uhr verabreden sich die beiden am Zürcher Stadelhofen. Was sie anzieht, will er wissen, und zwar ganz genau. Er werde blaue Hosen und ein weisses Hemd tragen. Ausserdem sei er 1,95 Meter gross, dunkelblond und relativ sportlich.

Er weiss, was er tut

Natürlich ist Julia zur verabredeten Zeit nicht am Treffpunkt. Dafür aber Kollegen aus der Redaktion, ausgestattet mit Kameras und Aufnahmegeräten. 20 Minuten versuchte, Beamte der Stadtpolizei Zürich zu involvieren. Die Vorlaufzeit und die Kapazitäten seien jedoch zu knapp, hiess es auf Anfrage. Ohne Köder sei die Aktion ausserdem zum Scheitern verurteilt.

Und so ist es – die Redaktoren können ihn am belebten Treffpunkt nicht ausmachen. Um 18.15 Uhr schreibt er: «Wo warst?» «Ich war zu spät und hab dich nicht gesehen. Bist du schon weg???», antwortet Julia. Er sei wieder im Büro. Sie solle mit dem ÖV Richtung Uni kommen.

Ein Wagen fällt auf

Zweiter Treffpunkt: Tramhaltestelle Kantonsschule. Die Kollegen positionieren sich. Er scheint nervös zu werden, fragt immer wieder nach einem Foto, nach ihrem Outfit und danach, wo genau sie sei. «Auf dem Weg!» Als die Redaktorin irgendwann nachgibt und ein Foto schickt, tut er es ihr gleich. Der Mann auf dem Bild ist oben ohne und trägt eine Sonnenbrille, ausserdem ist das Foto ziemlich pixelig.

Es folgt ein Katz-und-Maus-Spiel via Chat. «Wo bist du?» «Ich bin da!» «Wo genau? Ich seh dich nicht.» Irgendwann verrät er, dass er einen silbernen Opel fahre. Den Kollegen fällt ein solcher Wagen auf, der die Strasse mehrmals hoch- und runterfährt. Aussteigen tut niemand, auch nicht auf Julias Flehen hin. Irgendwann gibt sie auf: «Dein Versteckspiel ist mir zu blöd. Ich bin weg!» Er schickt einen traurigen Smiley und ein «Dann fahr ich jetzt auch» – dann ist er offline.

Den Chatverlauf sehen Sie in der Bildstrecke oben. 20 Minuten wird die gesammelten Informationen an die Polizei übergeben.