Vermisste Kinder im Internet suchen

Weltweit erstmaliges Projekt in Freiburg gestartet

Mit einer neuen, hoch komplizierten Technik sucht die ehrenamtlich tätige Kinderschutz-Stiftung Fredi in Freiburg erstmals auf über zwei Milliarden Internet-Seiten weltweit nach Bildspuren vermisster Kinder. Mit der Suche nach je einem Kind aus Österreich und aus Tschechien hat Fredi nun seine Arbeit aufgenommen.

Von klaus Riddering/Kipa

Exakte Zahlen über die genaue Zahl verschwundener Kinder zu erhalten, ist schwierig, die Dunkelziffer sehr hoch. In den meisten Fällen findet sich schnell eine Spur. Sei es, weil die Kinder aus eigener Initiative von zu Hause fortgelaufen sind und sich irgendwann von selbst melden, sei es, weil sie von Familienangehörigen entführt wurden. 1998 wurden in der Schweiz 1231 vermisste Kinder gezählt. Darin sind allerdings alle Formen des Verschwindens enthalten, also auch die Ausreisser. Experten schätzen, dass es in den USA rund 200 000, in Europa knapp 50 000 verschwundene Kinder gibt.

In Frankreich sprechen Experten von jährlich 1000 Kindesentführungen mit kriminellem Hintergrund – darunter knapp 20, die keinerlei Spuren hinterlassen. 1999 wies die Polizeiliche Kriminalstatistik in Deutschland rund 2000 Fälle von Menschenraub, Entziehung Minderjähriger oder Kinderhandel aus.

Internet ist Fundgrube für
Kinderschänder

«Viele von ihnen sind Opfer von Kindsmissbrauch, werden irgendwo versteckt und tauchen nicht selten auf Fotos im Internet wieder auf», ist sich Journalist Detlef Drewes sicher. Der deutsche Journalist aus Augsburg, der in der jüngsten Vergangenheit im weltweiten Netz mehrere spektakuläre Fälle von Kindsmissbrauch aufgedeckt hat, schätzt, dass von den rund zwei Milliarden derzeit zur Verfügung stehenden Internet-Seiten mindestens 16 Millionen kriminelle Inhalte haben. «Das ist eine wahre Fundgrube», weiss Drewes. «Wenn es einmal Erfolge bei der Suche nach vermissten Kindern in diesem Milieu gab, so waren das oft reine Zufallstreffer», so der Journalist.

Damit könnte jetzt Schluss sein. Denn seit Jahresbeginn stehen verzweifelten Eltern und Angehörigen, Polizei und Kinderschützern neue Wege bei der Suche nach vermissten Kindern offen. Bisher war es üblich, Fahndungsfotos der gesuchten Kinder mit einem Aufruf, sich bei Erkennen des Kindes bei einer Suchagentur zu melden, ins Netz zu stellen. Nun bietet eine neue Technik erstmals die Möglichkeit, vollautomatisch nach vermissten Kindern zu suchen.

Ungewöhnliche Suchmaschine

Entwickelt wurde die ungewöhnliche Suchmaschine von der in Kassel, Deutschland, ansässigen Firma Cobion, die als weltweit führende Anbieterin von Produkten und Dienstleistungen für Bilderkennung im Internet gilt. «Im Vordergrund stand dabei natürlich nicht der Gedanke, damit verschwundene Kinder aufzuspüren», gibt Cobion-Geschäftsführer Jörg Lamprecht unumwunden zu. «Aber wir stellen unsere Technologie, die ansonsten beispielsweise von grossen Konzernen zum Auffinden ihrer Markenlogos genutzt wird, für diesen Zweck gern zur Verfügung», so der Computer-Experte.

Die Technik ist hoch kompliziert. Fotos der verschwundenen Kinder werden in die Bildersuchmaschine eingelesen, um diese nach gesichtsspezifischen Kriterien «anzulernen». Je mehr Bilder vorliegen, desto einfacher ist es dann für die Software, sich das jeweilige Konterfei «einzuprägen», erzählt Lamprecht. Hat die Suchmaschine die Lernphase abgeschlossen, forstet sie die vorhandene Bilderdatei nach der entsprechenden Person durch. Wird der Computer fündig, erfolgt ein exakter Abgleich der vorhandenen und im Internet befindlichen Bilder. Mit dieser Technik kann nicht nur das eingelesene Bild aufgefunden werden, es können auch unterschiedliche Bilder recherchiert werden. So können nach Aussage Lamprechts auch Bilder gefunden werden, die das gesuchte Kind gealtert zeigen, auf denen die Kopfhaltung eine andere ist oder auf dem ein Schatten das Gesicht verdunkelt. Selbst Bilder von eher schlechter technischer Qualität stellen für die Computer kein unüberwindliches Hindernis dar.

Premiere von der Schweiz aus

Seit einigen Tagen nutzt die Cobion-Technik nun als erste Organisation die Schweizer Kinderschutz-Organisation Fredi in Freiburg, die es seit 1995 als Stiftung gibt. Das Kürzel steht für «Fondation pour la Recherche d’Enfants Disparus, par Internet» (Stiftung für die Auffindung von vermissten Kindern, per Internet). Das kleine Team – alle arbeiten ehrenamtlich – setzt grosse Hoffnungen darauf, mit der neuen Technologie Spuren zu finden, die verschwundene Kinder auf Bildern im Internet hinterlassen haben. «Das kann von zufälligen Aufnahmen auf einem Bahnhof oder Flughafen bis hin zu Fotos auf privaten Seiten reichen», so die Schweizer Internet-Fahnder, die seit ihrer Gründung fast ganz ohne behördliche Unterstützung auskommen müssen. Grund für die Zurückhaltung sei wohl die Befürchtung, so mutmassen die Fredi-Leute, dass sie als Ehrenamtliche störend in die Kompetenzen von Politikern, Untersuchungsrichtern, Polizei- und Untersuchungsbehörden eingreifen könnten.

Gleiche Bedingungen für alle

Abschrecken lassen wollen sich die engagierten Kinderschützer, die ihre Fahndungsaktivitäten keineswegs nur auf Europa beschränken, von diesen Problemen nicht. Sie wollen ihre Dienste weiter für alle anbieten, die hier eine vielleicht letzte Chance zum Aufspüren ihres Kindes sehen. Dazu gehört auch, dass für die Veröffentlichung einer Vermisstenanzeige kein Geld genommen wird.

Dabei könnten die Fredi-Mitarbeiter finanzielle Hilfe gut brauchen. Die Stiftung funktioniert nämlich derzeit nur dank Vorauszahlungen ihrer Team-Mitglieder, die auch ihre eigene Informatikausstattung zur Verfügung stellen. Die Internet-Seiten – mittlerweile in fünf Sprachen unter http://www.fredi.org abrufbar – werden nur dank tatkräftiger Unterstützung des Internet-Zugang-Betreibers Management & Communications SA in Freiburg am Laufen gehalten.

Suche nach Natascha und Jan

Natascha Kampusch aus Österreich und der Tscheche Jan Nejedly sind nicht nur gleich alt. Die beiden teilen auch ein anderes Schicksal: Seit 1998 sind beide spurlos verschwunden. Die heute 12-jährige Natascha verschwand in Wien auf dem Schulweg, Jan war in Prag unterwegs zu einem Freund und gilt seitdem als vermisst. Lebenszeichen und konkrete Hinweise, wo sich die beiden befinden, gibt es nicht. Für Natascha und Jan gibt es neue Hoffnung.

Ihre Bilder wurden jetzt nämlich von Fredi als erste in das Cobion-Suchprogramm aufgenommen. In den kommenden Monaten sollen je drei weitere folgen.

https://www.freiburger-nachrichten.ch/archiv-kanton/vermisste-kinder-im-internet-suchen