Nach 18 Jahren: Fesselspiele verraten den Täter

Nach 18 langen Jahren ist der Mord an der kleinen Johanna so gut wie aufgeklärt. Der Fall zeigt: Dank neuer Technik können sich Täter nie sicher sein, ungeschoren davonzukommen.

Im September 2014 stellte Marco Friedl von der Kripo Friedberg den Fall Johanna in Aktenzeichen XY… ungelöst vor.

VON CAROLIN ECKENFELS  (dpa)

 

2009 ermordet: Johanna Bohnacker (8).


Erleichterung, Anstrengung und Stolz stehen den Ermittlern ins Gesicht geschrieben. Endlich, nach 18 Jahren, haben sie den Mord an der kleinen Johanna so gut wie aufgeklärt. «Die Polizei hat in all den Jahren nie aufgegeben», sagt Roland Fritsch, Leiter der Sonderkommission «Johanna», gestern bei einer Pressekonferenz in Gießen. «Ein derart schreckliches Verbrechen lässt auch erfahrene Ermittler niemals kalt und niemals ruhen.»

Ein 41 Jahre alter Verdächtiger aus Friedrichsdorf in der Nähe von Frankfurt war am Vortag festgenommen worden – nach Monaten neuer, akribischer Untersuchungen und verborgener Ermittlungen. Verdächtige Fesselspiele in einem Maisfeld hatten die Ermittler auf die Spur des Mannes geführt. Der technische Fortschritt half ihn zu überführen. Der teils geständige 41-Jährige sitzt nun wegen Mordes und «besonders schwerer sexueller Nötigung» in Untersuchungshaft.

Johanna wäre heute Mitte 20. Doch im September 1999 endet ihr Leben grausam im Alter von nur acht Jahren. Das spielende Mädchen aus Ranstadt in der Wetterau wird in ein Auto gezerrt, missbraucht, getötet. Die Leiche wird in einem Wald bei Alsfeld im Vogelsberg abgelegt. Ein Spaziergänger findet sie im April 2000.

Fall war 2014 Thema in Aktenzeichen XY… ungelöst 
Die folgenden aufwändigen Ermittlungen hätten «leider Gottes nicht zum Erfolg geführt», sagt der Leitende Kriminaldirektor Fritsch. Dazu gehören Massentests mit etwa 1.400 Männern, um deren Fingerabdrücke mit winzigen Spuren vom Tatort abzugleichen. Dazu gehört die Überprüfung von VW-Jetta-Fahrern. Ein solches Automodell war seinerzeit beobachtet worden. Es gibt Plakat-Aktionen und Zeugenaufrufe im Fernsehen – zuletzt 2014 in «Aktenzeichen XY… ungelöst». Doch keine Spur führt zu Johannas Mörder.

 

Ledig, ohne Job, vorbestraft 
Nach einer Durchsuchung der Wohnung des 41-Jährigen sichten die Beamten mehrere Millionen Datenträger, auf denen sich auch Kinderpornos befinden. «Ich persönlich war mir eigentlich absolut sicher, dass wir den richtigen Tatverdächtigen im Fokus haben», sagt Fritsch über den 41-Jährigen – ledig, kein Job, vorbestraft.

Der Mann muss seine Fingerabdrücke abgeben – und zwar erneut, wie sich herausstellt. Denn er gehört zu den Männern, die Anfang 2000 bei einem der Massentests teilnahmen. Einen Treffer gab es damals nicht. «Das Problem war, dass noch Fingerabdrücke mit sogenannter Fingerschwärze genommen wurden», erklärt Staatsanwalt Thomas Hauburger. Diese Methode sei nicht so genau wie heutige digitale Verfahren. Hinzu komme, dass der Abgleich wegen der schwierigen Spurenlage sehr kompliziert gewesen sei. Dank der neuen Technik gibt es dann aber beim zweiten Abgleich einen Treffer. Auch weil weitere Spuren übereinstimmen, sind die Ermittler sicher, den Täter zu haben.

Letzter Beweis: DNA-Treffer 
Immer wieder kommt es vor, dass technische Innovationen oder der erneute Abgleich mit gespeicherten Daten einen Täter auch noch nach Jahrzehnten überführen. So konnte die Polizei vor wenigen Tagen einen Mann festnehmen, der vor fast 30 Jahren im bayerischen Aschaffenburg eine Frau vergewaltigt und beinahe getötet haben soll
(e110 berichtete). Die Ermittler hatten routinemäßig alte Beweisstücke abermals untersucht. Dabei fanden sie DNA-Spuren, die sie zu dem Verdächtigen führten.

«Müde, erleichtert und stolz auf meine Mitarbeiter» ist nun Soko-Leiter Fritsch. Ein solcher Moment sei sehr emotional für einen Kriminalbeamten. Man sei es auch der Familie schuldig gewesen, den Fall zu lösen. Johannas Mutter hatte in der Vergangenheit betont, die Ermittlungen dürften nicht einschlafen. Sie wolle alles tun, «damit dieser Kerl nicht frei herumläuft». Dass der mutmaßliche Mörder nach 18 Jahren im Gefängnis sitzt, hat die Familie nach Aussage der Ermittler «gefasst» aufgenommen. Johannas Vater allerdings hat es nicht mehr erlebt. Er war im vergangenen Jahr gestorben.

Fotos: Securitel

27.10.2017  wel

22.11.2018: https://www.extratipp.com/frankfurt/frankfurt-grusel-dokument-johannas-killer-rick-aufgetaucht-zr-10675961.html